Rütli reloaded – Kosovo und die weite Welt

Falls die geschätzte Leserschaft dem Instant-Messaging ebenso erlegen ist wie den Autoren dieses Blogs, dann sollte Ihnen auch die Statusnachricht-Orgie einiger Benutzer ein Dorn im Auge sein. Nebst all den ach so herzigen Herzli und Blüemli und Regenbögli gibts dann auch tatsächlich einige Individuen, die hier politische Statments verbreiten (Ganz unter uns: Auch ich verlieh meiner Freude über Blochers Abwahl an besagter Stelle Ausdruck!). Und so ist es nicht erstaunlich, dass es in den Statusnachrichten einiger ursprünglich aus dem Gebiet des heutigen (ist ja schon lange her, hm…) Kosovo stammenden Kollegen nur so von Freude schäumte: „Endlich frei!“ „Kosovo 4 life!“. Das ginge ja alles noch. Was aber ist mit „Kosovo isch frei! Wie 1291“. Zum „Wie 1291“ werde ich im zweiten Teil des Blogs kommen – erst zum Kosovo im Allgemeinen.

Es ist doch schon interessant, dass, während nun bereits mehr als 20 Staaten die Unabhängigkeitserklärung des Kosovo anerkannt haben, die Diskussionen zum Thema bleiben. Einerseits haben wir Serbien und Staaten wie Russland, die sich gegen die Unabhängigkeit ausgesprochen haben. Das ist aber nur nebensächlich und nur insofern interessant, dass es an die Furcht der USA vor einem Domino-Effekt während des Kalten Kriegs erinnert. Als Hauptgegner der Unabhängigkeit des Kosovo ist aber nach wie vor Serbien an vorderster Front.
Was sind Serbiens Gründe dafür? Das sind doch schon nur hauptsächlich emotionale Motive, denn das Gebiet, in dem der heutige Kosovo liegt, gilt als Geburtstätte der serbischen Kultur und Religion. Meiner Meinung nach sind diese Motive eher archaischer Natur.

Genau genommen scheint aufgrund der internationalen Medien kein einziger „sinnvoller“ Grund da zu sein, gegen die Unabhängigkeit zu plädieren. Meiner Meinung nach gibts da einige: Vor allem muss man betrachten, wie es vorher aussah und inwiefern sich die Lage bis heute verändert hat.

In diesem Zusammenhang las ich ein interessantes Interview in „Le Temps“ vom 5.3.08 mit dem finnischen Ex-Präsidentnen Martti Ahtisaari. Jetzt ist die Frage, was denn ein Finne mit dem Kosovo zu tun hat, unausweichlich. Der gute Herr war, so durfte man dem Artikel entnehmen, Initiant der kosovarischen Unabhängigkeitserklärung. Nebst einigen idealistischen Äusserungen zum Kosovo scheint dieser Mann tatkräftig den Kosovo in die Freiheit gebracht zu haben. Auf die Frage, ob das Problem denn nun gelöst sei, wusste er ironischerweise nur zu sagen:

Le Kosovo est maintenaint un problème européen.

Na toll. Löst es das Problem, die Verantwortung auf die Big Brothers im Staatengefüge abzuschieben, Ahtisaaris Plan zufolge die Weltbank in die finanzielle Unterstützung des Kosovo einzubinden? Ich meine: Nein!
Ein Beispiel, warum das nicht gerade sinnvoll ist: Investiert ein enttäuschter und seines Gelds beraubter UBS-Aktionär, um seinen Verlust wieder einzuspielen, aufs Geratewohl und frischfröhlich weiter? Weit gefehlt!
Ebenso wird ein stark verschuldeter Staat kaum neue Kredite aufnehmen, um die alten Schulden zu tilgen – sonst wäre unser AHV-Problem ja schon lange gelöst… Was ich aufzeigen möchte, ist, dass es unsinnig ist in einem instabilen politischen Gefüge drastische Veränderungen vorzunemen. Da kann der gute Herr Ahtisaari noch so sehr davon überzeugt sein, dass der Kosovo mit seinen Braunkohle- und Mineralienressourcen international eine Chance hat – der Kosovo hält, wie er im gleichen Satz einräumen muss, drei traurige europäische Rekorde: Eine Arbeitslosigkeitsquote von etwa 40-60%, die höchste Kindersterblichkeit und die niedrigsten Lebensstandards des ganzen Kontinents.
All das lässt mich zum Schluss kommen, das der Schritt in die Unabhängigkeit, der ja unweigerlich eine Loslösung von den bisherigen ordnenden und absichernden Strukturen bedeutet, kein sinnvoller Schritt war. Instabilität mit Abschottung zu kontern, das erscheint mir doch als politischer Wahnwitz.

Aber gehen wir doch – der Vollständigkeit halber – einmal davon aus, dass der am 17. Ferbuar vollzogene Schritt ein sinnvoller war. Welche Perspektiven hat denn dieses Land nun? Ein grosses Ziel kann es so oder so nicht erreichen, so zum Beispiel wird es ihm unmöglich sein, auf irgendeine Weise von allen andern Balkanstaaten wirtschaftlich abzuheben. Gesamthaft gesehen ist es also zu bezweifeln, dass der Schritt in die Unabhängigkeit für den Kosovo eine Verbesserung in sozialer und wirtschaftlicher Hinsicht bedeutet.
Was sind also die Zukunftsaussichten dieses Landes? Erst mal müssen staatliche Institutionen gebildet werden, müssen fiskale Einrichtungen erarbeitet, Gelder gefunden werden für die Finanzierung all dessen, was einen Staat ausmacht. Denn von einem Wohlfahrtsstaat ist der Kosovo meilenweit entfernt.

Wie wäre es aber, wenn der Kosovo weiterhin eine serbische Provinz geblieben wäre? Stimmt gar nicht, würde da ein Serbe erst mal sagen. Auch Ahtisaari stellt fest:

Depuis 1999, le Kosovo a été un protéctariat onusien.

Das Schwierige an Diskussionen über den Balkan ist die komplexe Geschichte, die diese Region hat – sie reicht bis in die Gegenwart und hat mit dem 17. Februar eine weiter bedeutende Wendung genommen. Natürlich konnte die praktische Besetzung von friedensstiftenden Truppen nicht zum Dauerzustand verkommen. Aber sicherlich ist es gefährlich und unklug, einen Schritt zu machen, mit dem nur die Hälfte der involvierten Parteien einverstanden ist – denken wir bloss an die Konflikte aufgrund von ethnischen Differenzen im Irak.

Quo vadit Kosovo? In die EU? Die Zukunft wird es zeigen…

Gruss, Ueli

PS: Teil zwei dieses Blogs folgt bald!

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~ von ieggel - 7. März 2008.

Eine Antwort to “Rütli reloaded – Kosovo und die weite Welt”

  1. Weise Worte, bravo!

    Kosovo feiert Unabhängigkeit. Romantisch zudem, dieses ‚Wir wollen frei sein‘, da denke ich an den biblischen Pharao, wie er im weltbekannten afroamerikanischen Volkslied und relgiösen Gospel angerufen wird: „LET MY PEOPLE GO!“

    So gesehen ist die Autonomie angemessen, auch angesichts der Tatsache, dass die Hauptaggression und Hauptschuld an den Gräueln des jugoslawischen Bürgerkrieges von Belgrad ausging, von der Propagande, den Armeen und Milizen des serbischen Diktators Slobodan Milosevic.

    Ein kompliziertes und vertracktes Argument: Größere Landesteile des Kosovo waren noch vor 50 Jahren von serbischer Bevölkerung bewohnt, erst eine Bevölkerungs-Explosion sowie Flüchtlingsströme ließen die Albaner territorial expandieren. Einfach nur sagen: ‚Die Macht des Faktischen‘ oder „Jetzt wohnen hier halt keine Serben mehr?“

    Hoffen wir auf Frieden für alle.

    Gruß, Jacques

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