Kopflos mit Kopftuch

Tschador, Hidschab, Hijab, es gibt unzählige Namen dafür, je nach Region, in der es getragen wurde. Eines hat es aber überall gemeinsam, das Kopftuch: Es ist niemals ein blosses Modeaccessoire, niemals sind es bloss ästhetische Gründe, ein Kopftuch zu tragen.

Unlängst gelangte der Streit um die Bedeutung des Kopftuches erneut in die internationalen Medien (wir erinnern uns an jene ägyptische Universität, die ihr Kopftuchverbot wieder aufgehoben hatte). Was ist denn da passiert? Der islamische Teil der Welt (alle andern Religionen und Ethnien lassen wir der Einfachheit halber mal aus dem Spiel) beschliesst offenbar, zurück zu einer stärkeren Religiosität zu kehren.

Religiosität, das heisst wohl in diesem Zusammenhang, inwiefern die Religion das persönliche Leben in seiner Alltäglichkeit beeinträchtigt. Verständlicherweise ist das Tragen eines Kopftuches somit eine klipp und klare religiöse Botschaft an die Umwelt: Ich bekenne mich zum Islam und zum Koran.

Und da sind wir schon bei den Problemen: Leider gibt der Koran keine genauen Auskünfte über die Kleidungsvorschriften der Frauen. Vermutlich sind daher die radikaleren Geistlichen froh um die Scharia, dem islamischen göttlichen Recht.

Hijab

Aber oho, es scheint, dass es doch nicht nur die Geistlichen sind. Keinenfalls dürfen wir, besonders in Anbetracht solcher Bilder wie oben, von einem Zwang sprechen – diese Frauen wollen offenbar ihr Leben durch Stoffbahnen hindurch erleben. Bleibt noch die Frage, inwiefern das Kopftuch denn für welche Form des islamischen Glaubens stehen kann. Es ist nämlich wohl kaum so, dass eine jede, die ihren Kopf verhüllt oder ein jeder, der seinen Bart etwas wachsen lässt, ein Extremist oder gar ein Terrorist ist, auch wenn dies einige Herren Staatsoberhäupter nur zu gern sähen.

Warum also, frage ich mich, braucht es ein Kopftuch? Ist es bequem? Wohl kaum. Macht es attraktiv? Au contraire! Was also ist es, dass Frauen sich verhüllen lässt? Die Antwort liegt auf der Hand: Glaube. Glaube an den islamischen Gott und Glaube daran, dass dieser seine weiblichen Schöpfungen verhüllt haben will.

Dieser Glaube sei nun mal dahingestellt – ich werte ihn als Atheist als ungültige Prämisse, aber dies ist einem Gläubigen herzlich egal. Das Problem mit dem Tragen eines Kopftuchs ist für mich vielmehr folgendes:

Oftmals hört man von grausamen Verbrechen an Frauen, die im Namen der Blutrache vollzogen wurden. Zu dieser fragwürdigen Haltung Frauen gegenüber gehört auch eine meiner Meinung nach als krankhafte „Eifersucht“ zu bezeichnende Haltung gegenüber dem Kontakt der Ehefrau andern Männern gegenüber: Es schickt sich nicht, ja ist eine Sünde, einen andern Mann als den eigenen viel von seinem Körper sehen zu lassen. Das Kopftuch ist meiner Meinung nach also äusserst hinderlich für den Ausgang des Islam aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit, es verhindert, dass archaisch-patriarchische Strukturen aufgelöst werden können und Frauen mehr Rechte und Möglichkeiten bekommen. Daher kann ich es kaum verstehen, wenn eine Frau freiwillig ein Kopftuch anzieht.

Letzlich kann niemand einem andern Menschen gebieten, (k)ein religiöses Symbol zu tragen, und als Teil einer Kultur muss dies wohl akzeptiert werden. Dennoch bleibt der Zweifel: Was hat ein religiöses Symbol an einer Universität zu suchen? Warum tragen islamische Politikerinnen Kopftücher im Parlament?

Erinnern wir uns zurück an grosse Denker und grosse Ideen, Ideen einer besseren Welt dank einer besseren Staatsform. Damals kam man zum Schluss, dass sowohl die Gewalten innerhalb eines Staats, aber auch die Religion vom Staat getrennt werden sollte. Einmal mehr kommen wir also zur Frage nach dem persönlichen und öffentlichen Glauben.

Religion kann niemand verbieten, doch sie gehört ins stille Kämmerlein und zur Privatsphäre – nicht an die Universität, nicht ins Parlament, nicht ins öffentliche Leben. Das Kopftuch, mehr Hindernis als Hilfe, mehr Symbol für eine archaische Gesellschaft als vernünftige Religiosität, sollte nicht wieder eingeführt werden.

Gruss, Ieggel

PS: Mit diesem Blog möchte ich keine religiösen Gefühle verletzen und auch nicht nach dem Karikaturenstreit einen Blogstreit heraufbeschwören. Ich respektiere das Tragen eines Kopftuchs gezwungenermassen aus Vernunft – ich äusser(t)e aber meine Bedenken über den Sinn desselben.

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~ von ieggel - 5. März 2008.

2 Antworten to “Kopflos mit Kopftuch”

  1. Guten Tag,

    eine mir persönliche bekannte türkischstämmige Familie „motivierte“ ihr frühpubertäres Mädchen folgendermaßen, das ’sündige‘ Haar zu bedecken:
    http://eifelginster.wordpress.com/2007/11/13/021-kopftuch-nicht-angeboren-sondern-anerzogen/

    Seit einem Vierteljahr bin ich zudem etwas fassungslos, wenn ich Frauen (?) sehe, die sich das Gesicht ‚komplett‘ bedecken:
    http://eifelginster.wordpress.com/2007/12/13/032-burka-und-tschador-verbieten/

    Ümmühan Karagözlü, türkische Kopftuchgegnerin, wagt folgende Erklärung zum ‚Rätsel Kopftuch‘
    http://eifelginster.wordpress.com/2007/11/13/013-kein-kopftuch-im-offentlichen-dienst-kein-lehrerinnenkopftuch-von-ummuhan-karagozlu/

    Ich respektiere Kopftücher bei Schneesturm, Sandsturm, Wüstensonne oer wenn es in der Schule bei kaputtem Hausdach einmal durchregnet

    Bezeichnend, dass die Männer kein Kopftuch tragen sollen, sie sind wohl frei von ’sündigem Haar‘. Eine türkische Tante zischt einem Mädchen zu: „Jeder Haar das man sieht, verwandelt sich in der Hölle in eine Schlange“, wie mir Ümmühan übersetzte.

    Im Scherz: Erstaunlich, die Vielfalt der menschlichen Stammes- und Landeskulturen. Frevel an den Göttern haben die alten Griechen aber wohl auch nicht ‚durchgehen lassen‘.

    Im Ernst: Kulturelle Moderne trennt halt zwischen Staat und Glaubenslehre(n), das ist der Säkularisationsprozess, das sind Formen der Laizität.

    Mit freundlichen Grüßen
    Jacques Auvergne
    http://jacquesauvergne.wordpress.com/

  2. Ieggel, ich würde zwischen „Toleranz“ und „Respekt“ bzw. „Akzeptanz“ unterscheiden. Ich respektiere und akzeptiere diesen menschenverachtenden Unsinn nicht, toleriere ihn aber im Namen der offenen Gesellschaft.

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